Neonazis in sozialen Netzwerken

In der Zeit, in der Nils Oskamps Geschichte spielt, versuchten Neonazis noch, Nachwuchs auf den Schulhöfen zu rekrutieren. Zwar gibt es auch heute derartige Anwerbeversuche, etwa mittels der so genannten „Schulhof-CDs“ mit rechtsextremer Musik. Als zentraler Rekrutierungsort haben sich allerdings das Internet und hier vor allem die sozialen Netzwerke erwiesen.

Neonazi-Typologie in Sozialen Netzwerken. Grafik: Inhalt www .no-nazi.net August 2014, Design www.grafikdesign-bar-m.de

Schon früh erkannten dabei vor allem die „Autonomen Nationalisten“ (AN) die Bedeutung des Online-Raums für die Mobilisierung, Propagandaverbreitung und Anwerbung speziell junger Menschen. Den vermeintlichen Bruch mit den klassischen Erkennungszeichen „traditioneller Nazis“ setzen sie dabei auch im World Wide Web fort: Spaß, Widerstand und Rebellentum kennzeichnen ihren Auftritt in den sozialen Netzwerken. Schnell geschnittene Videoclips, Grafiken mit popkulturellen Referenzen sowie die Verwendung jugend- kultureller Szenecodes sollen verschleiern, welche menschenverachtende Ideologie auch hinter den AN steckt. Denn thematisch verbirgt sich nichts Neues: „Nationaler Sozialismus“ wird gepredigt, völkische Ideologie verbreitet.

Auf die Spitze wird dieser „alte Hass in neuen Kleidern“ durch die Identitäre Bewegung getrieben, die seit 2012 von sich Reden macht und ihren Ursprung in Frankreich hat. Vor allem im Netz finden die Identitären, deren gemeinsames Feindbild der Islam ist, großen Zuspruch: Innerhalb kurzer Zeit bildeten sich Facebook-Gruppen in ganz Deutschland, die untereinander hervorragend vernetzt und äußerst geschickt darin sind, alle technischen Möglichkeiten des Web 2.0 zu nutzen. Die professionell gestaltete grafische Aufmachung von Slogans wie „100 % Identität – 0% Rassismus“ und „Multikulti wegbassen“ täuscht auf den ersten Blick darüber hinweg, dass handfester antimuslimischer Rassismus Grundlage für die jugendaffine Propaganda ist. Mittlerweile scheint dem (Netz-) Phänomen allerdings ein wenig die Puste auszugehen: Die Like-Zahlen für die Facebook-Seite der Identitären Bewegung Deutschland sind deutlich eingebrochen, eine Seite des Dortmunder Ablegers ist inzwischen geschlossen.

Facebook Aktion gegen „Die Rechte Dortmund“. Foto: Nils Oskamp

Ungebrochen aktiv ist dagegen das selbst ernannte Nachrichtenportal „Dortmund-Echo“, das unverhohlen gegen Minderheiten hetzt, für einen einschlägig bekannten Internetversand wirbt und der Partei „Die Rechte“ nahesteht. Nicht minder umtriebig zeigt sich der Dortmunder Ableger der Partei auf seiner Facebook-Seite, wo vor allem Flüchtlinge im Zentrum der extrem rechten Agitation stehen. Und auch die AN haben ihre Online-Aktivitäten beileibe nicht eingestellt.

Auf allen Kanälen versucht die gesamte Bandbreite rechtsextremer Akteurinnen und Akteure, ihre menschenverachtende Propaganda unters Volk zu bringen. Damit diese sich hier nicht viral ausbreitet, sind Gegenmaßnahmen unabdingbar: Schlagzeilen machte etwa die Facebook-Seite „Kann dieser Klopömpel mehr ‚Likes’ bekommen als Die Rechte Dortmund?“, deren Urheber bzw. Urheberin bislang noch unbekannt ist. Auf der Seite wird (teils humoristisch) über Aktivitäten der extrem rechten Szene Dortmunds informiert und zu Gegenaktionen aufgerufen. Die titelgebende Frage wurde übrigens bereits zwei Wochen nach Gründung der Seite beantwortet: Mehr als 11.000 Likes konnte der „Klopömpel“ generieren und damit deutlich mehr als die immerhin gut 7.600 „Gefällt mir“-Angaben auf der Seite von „Die Rechte Dortmund“ (Stand: März 2015).

Das erfolgreiche Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, dort anzusetzen, wo Neonazis versuchen, Anschluss zu finden: direkt in den sozialen Netzwerken. Diese stehen auch im Mittelpunkt von „no-na- zi.net“, einem Modellprojekt der Amadeu Antonio Stiftung, das über Online Hate Speech aufklärt, Engagement im Web 2.0 fördert und entsprechende Informationen für unterschiedlichste Zielgruppen aufbereitet. Vor allem junge Menschen werden so ermutigt, sich gegen rechtsextreme Parolen im Internet einzusetzen und wachsam für jede Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zu werden. Gleichzeitig steht „no-nazi.net“ im intensiven Dialog mit den Netzwerkbetreibern, um sie für entsprechende Inhalte zu sensibilisieren und gemeinsam Gegenmaßnahmen zu erarbeiten. Denn so schnell sich die Erscheinungsformen der extremen Rechten im Netz wandeln, so schnell muss auch das Engagement dagegen angepasst werden.

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